#ARD und ZDF: zur Kritik der #FR an der Berichterstattung post-Paris

In den sozialen Medien und einigen Branchendiensten wie Digitalfernsehen ist eine Debatte über die verzögerte Berichterstattung von ARD und ZDF über das abgesagte Länderspiel am Dienstag entbrannt. Während kommerzielle Sender wie n-tv ab 16.30 live aus Hannover berichteten, liefen in den öffentlich-rechtlichen nur seichte Serien. Die Frage ist doch aber, was an Information bei diesen Live-Schalten tatsächlich herauskommt. Oft genug geht die Nachricht nicht über die Anwesenheit des Moderators vor Ort hinaus.

In Krisenzeiten, zumal bei der Terrorberichterstattung, bedarf es auch gut geprüfter Hintergrundberichte. Die Öffentlich-Rechtlichen werden ihrem Programmauftrag und ihrem eigenen Anspruch immer weniger gerecht. Einerseits werden sie von sozialen Netzen überholt, was die Aktualität und Emotionalität angeht. Andererseits sind sie gefordert, das Geschehen einzuordnen und Hintergrundberichte zu senden. Diese  „Zwangsjacke“ in der sich ARD & ZDF befinden, versucht Daland Segler von der Frankfurter Rundschau in der heutigen Ausgabe näher zu ergründen. Um es vorweg zu nehmen: das gelingt ihm mehr schlecht als recht.

Natürlich ist der Vorwurf berechtigt, dass das Fernsehen immer mehr zum Gefühlsfernsehen mutiert. Ständig werden von Korrespondenten und Moderatoren Emotionen abgefragt wo eigentlich Fakten und Hintergründe zu erwarten sind. Das diese nicht immer so schnell zur Verfügung stehen – geschenkt. Aber in Deutschland gibt es ein Heer an Wissenschaftlern und Experten, die in solchen Situationen Hintergründe liefern könnten. Der Bedeutungsverlust von ARD und ZDF ist also dann selbstverschuldet, wenn sie der Emotionalität, die im Internet in überbordender Weise um sich greift, keine neuen Fakten, Blickwinkel und Fragen entgegensetzen wollen, um durch Sondersendungen ohne weiteren Inhalt mehr Zuschauer zu generieren. Es ist doch beispielsweise interessant, warum nicht ähnlich breite Programmflächen für die verheerenden Anschläge in Beirut freigemacht wurden, die vom IS genau einen Tag vor Paris verübt wurden.

Man kann Daland Segler von der FR also entgegenhalten, dass das größere Versagen das ist, was nicht oder kaum vorkommt, weil es eben nicht zum Nachrichtenwert „Nähe“ passt. So bleibt die Berichterstattung von ARD und ZDF nicht nur auf der emotionalen Eben verhaftet, sondern auch zu eng angelehnt an die politische Großwetterlage. Dazu gehört auch die Rede von „Angriffen auf die westliche Welt“ und „unsere Werte“.  So furchtbar es ist: Der IS Terror hat sich zu einem globalen Phänomen entwickelt, der es auf alles abgesehen hat, was seiner irren Ideologie widerspricht. Und das sind zuerst die Menschen in der islamischen Welt. Auch müssten die Öffentlich-Rechtlichen die unangenehmen Wahrheiten stärker beleuchten, wie das geschehen konnte.

Schade auch, dass FR-Journalist Segler eine Formulierung bemüht, die sowohl von den „Lügenpresse“-Hanseln der Pegida als auch neoliberalen Lobbyisten der kommerziellen Medien verwendet wird, wenn er von den „Zwangsgebühren“ spricht, mit denen die öffentlich-rechtlichen Medien alimentiert würden. Ernstzunehmende Kritik an ARD und ZDF sollte schlicht an der Einhaltung ihres Programmauftrags ansetzen. Denn dafür bezahlen wir.

 

 

19. November 2015 von Christine Horz
Kategorien: Allgemein | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Sehr geehrte Frau Horz,
    eben erst lese ich Ihren Kommentar zu meinem FR-Text über Paris und die Medien in der Zwangsjacke.
    Nur eine Anmerkung: Ich weiß, wie diffizil und langwierig die Diskussion über über das Gebührensystem war. Man wollte weg von den Kontrolleuren – soweit ok. Aber dass Menschen, die keinen Fernseher besitzen, für das Fernsehen zahlen müssen, passt mit meinem Verständnis von Demokratie und Steuersystem nicht zusammen (die Nutzung des Internet ist auch kein Argument dagegen). Ich halte das für ein Zwangssystem und deshalb für unvereinbar mit unseren Gesetzen.
    Mit besten Grüßen
    Daland Segler

    • Lieber Herr Segler,
      danke für Ihren Kommentar. Es ist klar, dass das öffentlich-rechtliche System unbedingt reformiert werden muss. Ob es die Sender weiterhin als Institutionen braucht ist fraglich. Ich verstehe nur Ihre Argumentation nicht – für journalistisch aufbereitete Inhalte (gut oder schlecht) muss man doch anderswo auch zahlen. Ob eine pay-per-view Lösung oder ein rein kommerzielles System eine demokratischere Lösung darstellt, kann angesichts des US-amerikanischen Medienmarktes bezweifelt werden.
      Unvereinbar mit unseren Gesetzen ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk laut Bundesverfassungsgericht jedenfalls nicht.
      Es bleibt spannend….
      Freundliche Grüße,
      ch

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